KEP-Branche: Krankmeldungen mit „Rücken“ am Limit
Die KEP-Branche steht unter massivem Druck. Onlinehandel, Black Friday, Rabattaktionen und Weihnachtsgeschäft sorgen für immer mehr Pakete. Gleichzeitig steigen die gesundheitlichen Belastungen für Zustellerinnen und Zusteller deutlich. Die AOK Rheinland/Hamburg spricht von einem rekordverdächtigen Krankenstand in der Post- und Paketbranche. Besonders auffällig sind Muskel- und Skeletterkrankungen. Sie betreffen Beschäftigte der Kurier-, Express- und Paketdienste deutlich häufiger als andere Berufsgruppen. Obwohl die Branche mit einem Durchschnittsalter von 38,2 Jahren vergleichsweise jung ist, fallen Beschäftigte überdurchschnittlich oft wegen Rücken, Gelenken, Schultern oder körperlicher Überlastung aus.
Das Wichtigste in Kürze
- Die AOK Rheinland/Hamburg verzeichnet in der Post- und Paketbranche einen Krankenstand von 7,69 Prozent.
- Beschäftigte in der KEP-Branche werden fast doppelt so häufig wegen Muskel-Skelett-Erkrankungen krankgeschrieben wie andere Berufsgruppen.
- Auf 100 Versicherte kommen bei Zustelldiensten rund 76 Krankschreibungen wegen Muskel- und Skeletterkrankungen.
- Im Durchschnitt aller Branchen liegt dieser Wert nur bei rund 44 Krankschreibungen.
- Paketflut, Zeitdruck, schweres Heben, Treppensteigen, Verkehr und größere Zustellbezirke erhöhen die Belastung deutlich.
Warum gibt es so viele Muskel- und Skeletterkrankungen in der KEP-Branche?
In der KEP-Branche treten besonders viele Muskel- und Skeletterkrankungen auf, weil Zustellerinnen und Zusteller täglich schwere Pakete heben, tragen, sortieren und ausliefern. Hinzu kommen häufiges Treppensteigen, enge Zeitfenster, Zwangshaltungen im Fahrzeug, dichter Verkehr und wachsende Zustellbezirke. Laut AOK Rheinland/Hamburg entfallen rund ein Viertel aller Krankschreibungen in der Branche auf Muskel-Skelett-Erkrankungen. Auf 100 Versicherte kommen etwa 76 Krankschreibungen wegen dieser Diagnosegruppe.
Warum der Krankenstand in der KEP-Branche so auffällig hoch ist
Der Krankenstand in der KEP-Branche fällt laut AOK Rheinland/Hamburg besonders hoch aus. Die Krankenkasse nennt für die Post- und Paketbranche einen Wert von 7,69 Prozent. Damit wird deutlich, dass krankheitsbedingte Ausfälle kein Randproblem mehr sind. Besonders bemerkenswert ist dieser Wert, weil die Beschäftigten in der Branche im Schnitt erst 38,2 Jahre alt sind. Eine vergleichsweise junge Belegschaft müsste eigentlich weniger stark von körperlichen Ausfällen betroffen sein.
Genau das Gegenteil zeigt sich jedoch in den Versicherungsdaten. Zustellerinnen und Zusteller fallen deutlich häufiger aus als der Durchschnitt aller Berufsgruppen. Das weist auf strukturelle Belastungen im Arbeitsalltag hin. Es geht daher nicht nur um einzelne schwere Arbeitstage. Vielmehr entsteht ein dauerhaftes Belastungsmuster aus körperlicher Arbeit, Zeitdruck und hoher Tourendichte. Gerade Muskel- und Skeletterkrankungen zeigen, wie stark der Körper durch wiederholte Bewegungen beansprucht wird. Rücken, Schultern, Knie, Hüfte und Handgelenke werden täglich gefordert. Wenn Regeneration fehlt, steigt das Risiko für Beschwerden. Dadurch wird aus der Paketflut auch ein Gesundheitsproblem für die Beschäftigten.
Welche Rolle Black Friday, Weihnachtsgeschäft und Onlinehandel spielen
Rabattaktionen, Black Friday und das Weihnachtsgeschäft sorgen regelmäßig für extreme Auftragsspitzen. In dieser Zeit bestellen Verbraucherinnen und Verbraucher besonders viele Waren online. Der Handelsverband Deutschland rechnete für 2025 mit einem Umsatzrekord im Onlinehandel von 91 Milliarden Euro. Diese Zahl zeigt, wie stark der Paketmarkt inzwischen gewachsen ist. Für die KEP-Branche bedeutet das jedoch nicht nur mehr Umsatz und mehr Sendungen.
Es bedeutet vor allem mehr Stopps, mehr Pakete pro Tour und mehr körperliche Arbeit pro Schicht. Die Belastung steigt besonders dann, wenn Personal, Tourenplanung und Fahrzeugkapazitäten nicht im gleichen Tempo mitwachsen. Zustellerinnen und Zusteller müssen Pakete sortieren, laden, tragen und oft unter Zeitdruck abliefern. In Innenstädten kommt dichter Verkehr hinzu. In Wohngebieten erschweren lange Laufwege, enge Treppenhäuser und fehlende Aufzüge die Arbeit. Besonders schwere oder unhandliche Pakete erhöhen die körperliche Belastung zusätzlich. So wird die saisonale Paketflut zu einer Phase mit besonders hohem Erkrankungsrisiko. Die gesundheitlichen Folgen zeigen sich dann oft nicht sofort, sondern nach Wochen oder Monaten.
Muskel- und Skeletterkrankungen als Hauptproblem der Zustellbranche
Muskel- und Skeletterkrankungen sind in der KEP-Branche besonders häufig. Laut den genannten AOK-Daten entfiel 2024 rund ein Viertel aller Krankschreibungen auf diese Diagnosegruppe. Dazu gehören unter anderem Rückenbeschwerden, Gelenkprobleme, Muskelverspannungen und Überlastungsschäden. Besonders oft wird im Zusammenhang mit der Zustellung von „Rücken“ gesprochen. Das liegt nahe, weil Pakete täglich gehoben, getragen und wieder abgesetzt werden.
Viele Bewegungen erfolgen nicht unter idealen Bedingungen. Pakete werden aus dem Fahrzeug gezogen, über Bordsteine getragen oder durch enge Hauseingänge bewegt. Häufig fehlt die Möglichkeit, jedes Paket ergonomisch korrekt zu heben. Dazu kommt das ständige Ein- und Aussteigen aus dem Lieferfahrzeug. Auch Zwangshaltungen beim Fahren, Scannen und Sortieren belasten den Körper. Treppensteigen mit Last verstärkt die Beanspruchung zusätzlich. Deshalb ist die hohe Zahl an Krankschreibungen kein Zufall. Sie spiegelt eine Arbeitsrealität wider, in der der Bewegungsapparat dauerhaft belastet wird.
| Kennzahl | KEP-Branche / Zustelldienste | Durchschnitt aller Branchen |
|---|---|---|
| Krankenstand laut AOK Rheinland/Hamburg | 7,69 Prozent | nicht genannt |
| Durchschnittsalter der Beschäftigten | 38,2 Jahre | nicht genannt |
| Krankschreibungen wegen Muskel-Skelett-Erkrankungen je 100 Versicherte | rund 76 | rund 44 |
| Anteil an allen Krankschreibungen 2024 | rund ein Viertel | nicht genannt |
| Häufigkeit im Vergleich | fast doppelt so hoch | Referenzwert |
Welche Belastungen den Körper der Paketboten besonders stark treffen
Der Arbeitsalltag in der Zustellung besteht aus vielen kleinen Belastungen, die sich summieren. Ein einzelnes Paket wirkt oft harmlos. Doch viele Pakete pro Tag verändern die körperliche Wirkung deutlich. Besonders belastend ist das wiederholte Heben schwerer Sendungen. Hinzu kommt das Tragen über längere Wege. Auch häufiges Treppensteigen spielt eine große Rolle. In Mehrfamilienhäusern ohne Aufzug wird jede Etage zur zusätzlichen Belastung. Zwangshaltungen entstehen beim Be- und Entladen, beim Greifen aus dem Fahrzeug und beim Sortieren im engen Laderaum.
Der Körper muss sich oft drehen, beugen und strecken. Diese Bewegungen finden häufig unter Zeitdruck statt. Dadurch steigt das Risiko, dass Bewegungen unsauber oder ruckartig ausgeführt werden. Michael Wenninghoff, Geschäftsführer des BGF-Instituts, verweist genau auf diese körperlichen Belastungen. Er nennt schweres Heben und Tragen, häufige Zwangshaltungen und ständiges Treppensteigen als zentrale Faktoren. Dazu kommen psychische Belastungen. Zeitdruck, dichter Verkehr und größere Zustellbezirke erhöhen den Stress. Körperliche und psychische Belastung wirken deshalb zusammen.
Warum junge Beschäftigte trotzdem häufig krank werden
Auffällig ist, dass die KEP-Branche mit einem Durchschnittsalter von 38,2 Jahren vergleichsweise jung ist. Trotzdem sind die krankheitsbedingten Ausfälle hoch. Das zeigt, dass Alter allein die Situation nicht erklärt. Entscheidend ist vielmehr die Art der Arbeit. Wenn der Körper täglich stark beansprucht wird, können Beschwerden auch bei jüngeren Menschen entstehen. Besonders problematisch sind wiederholte Bewegungen ohne ausreichende Entlastung.
Ein Rücken kann auch bei jungen Beschäftigten überlastet werden. Gelenke, Sehnen und Muskeln reagieren nicht nur auf das Lebensalter. Sie reagieren auch auf Gewicht, Häufigkeit, Haltung, Stress und Regeneration. Wenn Arbeitstage lang sind und Pausen knapp ausfallen, steigt die Belastung zusätzlich. Außerdem kann Zeitdruck dazu führen, dass Hilfsmittel seltener genutzt werden. Auch ergonomisches Heben wird schwieriger, wenn viele Stopps schnell erledigt werden müssen. Daher ist der hohe Krankenstand ein Hinweis auf Arbeitsbedingungen, nicht nur auf individuelle Gesundheit. Gerade eine junge Belegschaft sollte Arbeitgeber alarmieren. Denn frühe Beschwerden können später zu chronischen Problemen führen.
Der blinde Fleck: Paketlogistik wird oft als Serviceproblem gesehen, nicht als Gesundheitsfrage
Ein wichtiger Blickwinkel wird häufig übersehen. Viele Diskussionen über Paketdienste drehen sich um Lieferzeiten, verlorene Pakete oder unzufriedene Kundinnen und Kunden. Die Gesundheit der Zustellerinnen und Zusteller steht dagegen selten im Mittelpunkt. Genau darin liegt ein blinder Fleck. Jede Same-Day-Lieferung, jedes enge Zeitfenster und jede Rabattwelle verändert den Druck am Ende der Lieferkette. Die Belastung landet nicht abstrakt im System, sondern konkret auf Rücken, Schultern und Knien der Beschäftigten. Deshalb sollte die KEP-Branche nicht nur über Effizienz sprechen. Sie muss auch über Prävention, Tourenplanung und realistische Zustellmengen sprechen. Unternehmen könnten Belastungen senken, wenn schwere Pakete besser gekennzeichnet werden.
Auch bessere Routenlogik, mehr Mikrodepots und angepasste Zustellgebiete können helfen. Digitale Systeme sollten nicht nur Geschwindigkeit messen, sondern auch körperliche Belastung sichtbar machen. Denkbar wäre etwa ein Belastungsindex pro Tour. Dieser könnte Gewicht, Treppenanteil, Stoppdichte und Laufwege berücksichtigen. So würde aus Arbeitsschutz ein planbarer Teil der Logistik. Genau dieser Perspektivwechsel ist entscheidend. Die Paketflut ist nicht nur ein Marktphänomen. Sie ist auch eine Frage der betrieblichen Gesundheit.
Fazit: Die Paketflut hat einen Preis
Die auffallend vielen Muskel- und Skeletterkrankungen in der KEP-Branche zeigen ein klares Problem. Paketdienste halten den Onlinehandel am Laufen, doch viele Beschäftigte zahlen körperlich dafür. Der Krankenstand von 7,69 Prozent und rund 76 Krankschreibungen je 100 Versicherte wegen Muskel-Skelett-Erkrankungen sind Warnsignale. Wer schnelle Lieferungen will, muss auch faire Belastungsgrenzen mitdenken. Entscheidend sind bessere Tourenplanung, Prävention und mehr Aufmerksamkeit für die Menschen hinter jedem Paket.